Hopfen- und Spargelbauern bangen

Viele Landwirte, vor allem Ökobauern, sind dringend auf Saisonarbeiter angewiesen, die derzeit nicht zu uns dürfen

Die Folien auf den Feldern der Waltls verraten einiges über das Dilemma, in dem Spargelbauern wie sie derzeit stecken. Weiß leuchten die Kunststoffbahnen in diesen Tagen in der sonne. Würde man sie mit der anderen Seite nach oben legen, wären die Beete mit schwarzem Plastik bedeckt, was für mehr Wärme im Boden und somit für einen früheren Erntetermin sorgen würde. Genau das aber wollen die Waltls, die seit 1967 in Sandharlanden, einem Ortsteil von Abensberg (Landkreis Kelheim), Spargel anbauen, unbedingt vermeiden. Wegen der Corona-Krise fehlt es ihnen an helfenden Händen, um die begehrten weißen Stangen aus der Erde zu holen. 

50 Saisonarbeiter aus Rumänien packen in normalen Jahren auf dem Waltl-Hof bei der Spargelernte mit an, sagt Gabriele Waltl. In diesem Jahr sind bisher nur sieben Rumänen da, ob die anderen noch kommen, ist ungewiss. Zwar durften Saisonarbeiter bis Mitte der Woche nach Deutschland einreisen, wenn sie an der Grenze entsprechende Unterlagen, etwa einen Arbeitsvertrag, vorlegen konnten. Heikler war es für sie jedoch an anderen Grenzen. Ungarn beispielsweise erlaubt schon seit Tagen keine Ein- und Ausreisen von Bürgern anderer Staaten, auch keinen Transit.

Damit, berichtet der Bayerische Bauernverband (BBV), sei der Landweg für rumänische Saisonarbeiter praktisch versperrt, denn deren Hauptreiserouten führten durch Ungarn. Am Dienstag untersagte schließlich auch das deutsche Innenministerium die Einreise für Saisonkräfte, als weitere Maßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Ausnahmen gebe es nur für bereits in der Anreise befindliche Helfer, hieß es aus dem Ministerium. 

Sehr zum Unwillen des BBV, der eine schnelle Aufhebung des Verbots fordert. Schließlich suchen zahlreiche Landwirte händeringend nach Helfern. „Im Moment ist wohl das drängendste Problem, dass Hopfengärten vorbereitet werden müssen“, sagt BBV-Pressesprecher Markus Drexler.

Ob zurzeit überhaupt so viel Spargel gekauft würde? Manche bezweifeln das

Nicht zu vergessen die Sämereien und Pflänzchen wie Salat und Brokkoli, die jetzt in den Gemüseanbaubetrieben darauf warten, in die Erde zu gelangen. „Anfang April steht die Eröffnung der Spargelsaison mit hohem Arbeitsaufwand an, Mai und Juni ist ‚Highnoon‘ auf den Erdbeerfeldern“, schildert Drexler. „Ohne die Saisonarbeitskräfte könnte das regionale Obst und Gemüse nicht in vollem Maße geliefert werden, es drohen Versorgungsengpässe.“ 37 400 Saisonarbeiter waren 2016 auf bayerischen Höfen im Einsatz. In diesem Jahr werden es wohl deutlich weniger sein, fürchtet der Pressesprecher. 

Vor allem der Ökolandbau ist dringend auf Unterstützung angewiesen. Denn dort werde vieles noch in Handarbeit erledigt, sagt Markus Fadl, Pressesprecher des Bio-Anbauverbands Naturland. Etwa beim Anbau von Rüben. In der konventionellen Landwirtschaft kämen in den ersten Wochen nach der Aussaat zahlreiche Spritzmittel zum Einsatz, um das Unkraut in Schach zu halten. „Im Biolandbau dagegen wird gehackt, das bedeutet Hunderte von Stunden Handarbeit“, erklärt Fadl. Ohne Saisonarbeiter kaum zu bewältigen. 

In der Politik weiß man um die Probleme der Landwirte. Das bayerische Landwirtschaftsministerium verweist auf die Erleichterungen, die das Bundeskabinett am vergangenen Montag beschlossen hat, um mehr Bürgern als bisher das Thema Saisonarbeit schmackhaft zu machen. So dürfen kurzfristige Beschäftigungen, in denen man sozialversicherungsfrei arbeiten kann, nun 115 Tage pro Jahr ausgeübt werden, bisher waren es 70 Tage.

Außerdem können Empfänger von Kurzarbeitergeld nun, befristet bis Ende Oktober, zusätzliches Einkommen beziehen, und zwar bis zur Höhe des Nettolohns aus der eigentlichen Beschäftigung. Und: Die Hinzuverdienstgrenze bei Vorruheständlern wird deutlich angehoben. Ausnahmeregelungen bei den Arbeitszeitbegrenzungen seien ebenfalls möglich, teilt ein Sprecher des Ministeriums mit. In den Wirtschaftshilfen, die der Bund derzeit vorbereite, solle auch die landwirtschaftliche Primärproduktion berücksichtigt werden, kündigt der Sprecher an: „Es sollen Hilfen von bis zu 100 000 Euro je Betrieb noch in diesem Jahr ermöglicht werden.“ Genaueres dazu werde sich voraussichtlich in den kommenden Tagen herauskristallisieren.

Mancher Landwirt aber hofft nach wie vor auf die Helfer aus Osteuropa. In ihrer Verzweiflung haben mehrere Bauern bereits Flüge für ihre rumänischen Saisonarbeiter organisiert – ein gewaltiger Kostenfaktor. Auch Gabriele Waltl kennt einen Spargelbauern, der das gemacht hat.

Für sie selbst komme das momentan nicht infrage, sagt sie. Zu groß sei die Ungewissheit, ob sie für ihre gesamte Ernte überhaupt genügend Käufer finden würde – jetzt, da die Gastronomie als Abnehmer wegfällt und mancher Privatkunde, der von Kurzarbeit betroffen ist, jeden Euro zweimal umdreht: „Spargel ist ja immer noch ein Luxusgemüse.“

Ob man da einen Verkaufspreis erzielen kann, der explodierende Personalkosten decken würde, sei fraglich. Deshalb überlegen die Waltls jetzt, in diesem Jahr nur einen Teil der weißen Stangen zu ernten, die sie auf rund 30 Hektar anbauen – so viel sie mit ihren sieben Helfern eben schaffen. „Lieber eine Nullrunde als ein Verlust“, formuliert es Gabriele Waltl.